Titelbild des Buchs Japanisch Lernen wie Japaner von Mathias Dietrich
Japanisch-Lehrer.de

Wie wir Sprachen lernen

Der Spracherwerb ist ein großes Fachgebiet innerhalb der Linguistik und sehr gut erforscht. Da ich selbst neben der Japanologie auch einen linguistischen Studiengang absolvierte, will ich dir an dieser Stelle einen Einblick in die Theorien des Spracherwerbs gehen, auf denen ich den Lernablauf auf der Seite basiere.

Die Kernidee des Spracherwerbs

Es gibt in diesem Bereich zahlreiche Theorien von den verschiedensten Linguisten. Einige Beispiele sind etwa:

Das sind natürlich bei weitem nicht alle Untersuchungen und Theorien zu dem Thema. Aber so sehr sich die Details all dieser Ansätze durchaus unterscheiden, haben alle eine Sache gemeinsam:

Laut jeder Theorie ist der Kern des Lernens verständlicher Input.

Heruntergebrochen ist es das altbewährte Konzept: Du siehst einen Gegenstand, jemand zeigt darauf und sagt das Wort in seiner Sprache dazu. Du hast eben ein Wort in einer Fremdsprache gelernt. Und das genau so, wie Kinder bereits ihre Muttersprache lernen. Und dieses System kannst du auch auf andere Wörter ausweiten.

Am Beispiel von Japanisch könnte das in etwa so aussehen:

 

Der Lernablauf: Hier lernst du erst das Wort für Katze, dann das für Oma, rein basierend auf den Bildern. Mit diesen beiden Wörtern erschließt sich dir im dritten Bild nun die Bedeutung von "naderu" - nämlich "streicheln". Da du nun diese Wörter kennst, kannst du im vierten Bild schnell erkennen, dass das neue Wort "Ojii-San" für "Opa" stehen muss.

Das nennt sich i+1-Methode. Wenn wir nur ein Element in einem Satz nicht kennen, fällt es uns am einfachsten, die Bedeutung dieses Elements aus dem Kontext zu erkennen. Wenn du anfängst, die einfachsten Kinderbücher zu lesen, kannst du auf diese Art und Weise einen Wortschatz aufbauen und nach und nach dein Sprachniveau verbessern - ohne jemals ein Lehrbuch aufzuschlagen oder Grammatik zu lernen.

Der Konflikt von Volksmund und Wissenschaft

Interessant ist jedoch: Die meisten Lerner konzentrieren sich die meiste Zeit auf etwas vollkommen anderes. Sie versuchen Regeln auswendig zu lernen, Grammatik zu verstehen und lösen Übungsaufgaben. Das Lesen und Verstehen von Texten nimmt meist nur wenig Zeit am Rande ein.

Während das Lernen von Grammatik selbst durchaus einen Nutzen haben kann, fokussieren sich viele Lerner so stark darauf, dass sie dem Hauptteil des Lernens zu wenig Zeit widmen, und dadurch den Lernvorgang herauszögern. Vergleiche das mit dem Versuch, Fahrradfahren zu lernen, indem du nur Fahrtechniken liest, ohne dich jemals selbst auf ein Fahrrad zu setzen.

Bei Sprachen die so gut wie keine Ähnlichkeiten zur eigenen Muttersprache aufweisen - wie etwa Japanisch - kann diese fehlende Erfahrung mit einer Sprache gar zu einer unüberwinbaren Hürde zu höheren Sprachkenntnissen werden.

Das Ergebnis dieser Situation ist kritisierbar. Denn ausbleibende sprachliche Erfolge werden eher selten mit der genutzten Lernmethode in Verbindung gebracht, sondern eher mit einer angeborenen und unabänderlichen persönlichen Fähigkeit. Aussagen wie "Ich bin einfach nicht gut mit Sprachen" hört man genauso oft wie solche, laut denen erfolgreiche Sprachlerner einfach "talentiert" sind.

Dadurch können wiederum weitere engagierte Lerner davon abgebracht werden, eine Fremdsprache zu lernen, wenn sie mit typischen Lernapps und den dort üblichen Multiple-Choice-Aufgaben keine guten Erfolge erzielen.

Sprache lernen ist Aufwand

Du wirst keinen erfolgreichen Sprachlerner finden, der dir sagt, dass er quasi nebenbei gelernt hat. Der Vorgang ist Aufwand und erfordert, dass du dich sehr viele Stunden mit der Sprache beschäftigst. Deswegen stellen erfolgreiche Lerner einen großen Teil ihres Tages komplett auf eine Fremdsprache um. Jedoch nicht in Lehrbüchern. Stattdessen gehen sie ihren normalen Hobbies in der Sprache nach, die sie lernen.

Wenn du damit beginnst, ist es auch vollkommen klar, dass du zunächst nicht alles verstehst. Und auch die oben beschriebene i+1-Methode ist eher ein Ideal. Denn viel von dem, was du liest und hörst, wird wesentlich mehr als nur eine Unbekannte besitzen. Und oft reicht der Kontext allein doch nicht aus. Gerade, wenn es um abstrakte Bedeutungen geht.

Glücklicherweise gibt es aber simple Methoden, damit umzugehen: Ein Wörterbuch. In denen kannst du schnell Bedeutungen nachschlagen und auf Dauer werden sie auch hängenbleiben. Ganz nebenbei, ohne, dass du es direkt merkst.

Überraschender Lernweg

Manche Aspekte des Spracherwerbs  sind gar kontraintuitiv. Bereits der Begründer der modernen Linguistik - Ferdinand De Saussure -sagte, dass Sprache willkürlich ist. Sprache ist eine Konvention und kein logisches Konzept. Es gib etwa keinen Grund, wieso wir einen Baum ausgerechnet als "B - A - U - M" bezeichnen. Und wegen dieser Willkürlichkeit können wir Sprache gar besser lernen, wenn wir nicht über sie nachdenken, sondern einfach akzeptieren.

Diesen Gedanken wirst du bereits in der Theorie von Dr. J. Marvin Brown wiederfinden. In der Moderne hingegen bestätigte ihn Dr. Eleonore Smalle, die basierend auf einer Untersuchung zur gleichen Schlussfolgerung gelangte.

All diese Forschung bringt uns jedoch wieder zu einem Aspekt, der ebenfalls im Allgemeinwissen der Menschheit verankert ist, und den wohl niemand abstreiten würde, wenn es darum geht, die Sprachfähigkeiten von Kindern zu verbessern. Während er beim Lernen einer Fremdsprache aber wieder gerne ignoriert wird: Wer viel liest, verbessert seine Sprachfähigkeiten.

Alle Fragen und Antworten zum Sprache lernen

Über die so genannte Immersion. Das bedeutet, dass du viel liest und hörst. Wann immer du auf die ein oder andere Art und Weise ein Wort verstehst, lernst du ein klein wenig Sprache. Auf Dauer summieren sich diese Ergebnisse. Besonders effektiv ist dabei die i+1-Methode.

Der Begriff stammt aus Stephen Krashens Input-Theorie. Das „i" steht für deinen aktuellen Sprachstand (input), das „+1" für genau ein neues Element darüber hinaus. In einen Satz, in dem du nur ein Wort oder eine Struktur nicht kennst, kannst du dir das Unbekannte am leichtesten aus dem Kontext erschließen – genau das macht diese Methode so effizient. Enthält ein Text zu viele Unbekannte, wird es schwerer; hat er keine Unbekannten, lernst du nichts Neues.

Das ist von deiner eigenen Einstellung abhängig. Wenn du einen stufenweisen Einstieg suchst, lohnen sich etwa spezielle i+1-Vokabeldecks. Für Japanisch biete ich selbst eines an. Aber auch einfache Graded Reader, an denen du dich nach und nach bis zu höheren Stufen entlanghangelst, eignen sich. Für Japanisch habe ich einen Artikel mit Empfehlungen.

Pflicht ist das aber nicht. Ich kenne durchaus Lerner, die sich von Beginn an durch schwerere Werke schlagen und gute Erfolge erzielen. Du musst hier finden, was dich genug motiviert, um dranzubleiben, ohne dich so sehr zu stressen, dass du die Lust verlierst.

Nicht zwangsläufig. Grammatiklernen kann hilfreich sein – zu viel Fokus darauf hält dich aber auf. Wenn der Großteil deiner Zeit in Regeln und Übungsaufgaben fließt und kaum ins Lesen und Hören, verzögert das den eigentlichen Lernfortschritt. Sieh Grammatik als ein Werkzeug an, dass dich unterstützen kann, aber nicht in jeder Situation weiterhilft.

Nein – das ist am Anfang völlig normal. Selbst die i+1-Methode ist eher ein Ideal: Viele Sätze werden mehr als eine Unbekannte enthalten, und bei abstrakten Bedeutungen reicht der Kontext oft nicht. Um dennoch etwas zu lernen, nutze ein Wörterbuch! Nachschlagen ist kein Versagen, sondern Teil des Prozesses – die Bedeutungen bleiben mit der Zeit hängen. Und je länger du lernst, umso seltener wirst du zum Wörterbuch greifen müssen.

Je mehr umso besser; je weniger, umso länger dauert es. Erfolg beim Sprachenlernen ist in erster Linie eine Frage des Umfangs an verständlichem Input. Erfolgreiche Lerner verlagern einen großen Teil ihres Alltags in die Zielsprache – nicht mit Lehrbüchern, sondern indem sie ihre bestehenden Hobbies in der Fremdsprache betreiben.

Das kommt auf die App an. Viele konzentrieren sich stärker auf die Gamification und das Motivieren zur Nutzung der App, als auf den Spracherwerb selbst. Es gibt aber durchaus hilfreiche Lernapps. Ein Blick in meine Liste mit den besten Apps zum Japanischlernen hilft. Und viele von diesen unterstützen auch andere Sprachen.

© 2026 Mathias Dietrich